„Das erfüllt mich mit Stolz!“

35 Jahre IKEA Stiftung: das Interview mit dem langjährigen Geschäftsführer Peter Takacs

35 Jahre

I N T E R V I E W

München, im Oktober 2016. Die IKEA Stiftung feiert ihr 35-jähriges Jubiläum. Seit ihrer Gründung im Jahr 1981 hat sie sich zu einer der großen Stiftungen in Deutschland entwickelt – mit einem Grundstockvermögen von inzwischen 20 Millionen Euro. Aus Anlass des Jubiläums interviewte die Bloggerin Natalie Link den Geschäftsführer der IKEA Stiftung, Peter Takacs, der gerne Auskunft gab über Herzensprojekte, Zukunftsaussichten – und darüber, wie alles begann.

Link: In der Stiftungslandschaft Deutschland zählt die IKEA Stiftung zu den Großen: Sie hat in den letzten zehn Jahren über 1.000 Projekte gefördert. Und das mit aktuell zwei Mitarbeitern – wie bewältigt ihr das?

Peter Takacs: Die IKEA Stiftung unterscheidet sich insofern von anderen Einrichtungen, als dass sie eine reine Förderstiftung ist. Hilfe zur Selbsthilfe lautet das Prinzip: Die Projekte entstehen aus bürgerschaftlichem Handeln und Eigeninitiativen heraus. Die Mithilfe aller Beteiligten macht unsere schlanken Strukturen möglich. Es erfüllt mich mit Stolz, wenn Initiatoren ihre vergleichsweise bescheidenen Mittel durch umso größeres Engagement wettmachen, mit Beharrlichkeit und Kreativität. In vielen Projekten steckt eine Menge ehrenamtliche Arbeit.

Link: Wie kam die Idee zur Gründung einer gemeinnützigen Stiftung?

Peter Takacs: Die Absicht, mit gutem Beispiel voranzugehen, war eine Herzensangelegenheit des IKEA Gründers Ingvar Kamprad. So wurde die IKEA Stiftung 1981 von den deutschen IKEA Gesellschaften ins Leben gerufen, mit Schwerpunkt auf den Themen Wohnen und Wohnkultur. Und Ingvar Kamprads Lebensmotto „Das Meiste ist noch nicht getan. Wunderbare Zukunft!“ ist zum Leitbild der Stiftung geworden. Seit nunmehr 35 Jahren werden Projekte in Deutschland gefördert, die dem Gemeinwohl zugutekommen. Seit den 1980er-Jahren ist die Stiftung ständig gewachsen. IKEA Deutschland übernimmt unsere Betriebsausgaben und Administrationskosten – unsere Erträge werden folglich zu 100 Prozent den Projekten zugeführt. In den letzten Jahren haben wir dank zusätzlicher Spenden von unserem Stifter IKEA Deutschland mehr als zwei Millionen Euro pro Jahr für Projektförderung aufgewendet und konnten damit viel Gutes bewirken.

Link: Was geschieht mit den Stiftungsgeldern?

Peter Takacs: Im Bereich Wohnen und Wohnkultur fördern wir Forschungsarbeiten, Ausstellungen und die Entwicklung neuer Baukonzepte. Ergänzend leisten wir mit der Finanzierung von Veranstaltungen und Informationsschriften Verbraucheraufklärung. Ganz wichtig sind uns Projekte, mit denen wir die Wohn- und Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen verbessern helfen. Ihnen kommen etwa zwei Drittel unserer Förderbeträge zugute. In der Berufsbildung vergeben wir Stipendien für Abschlussarbeiten in den Bereichen Architektur und Design, und seit 2005 führen wir einen jährlichen Design-Wettbewerb für Studierende durch. Den zehn Gewinnern winkt jedes Jahr ein Workshop in Schweden. Und schließlich machen wir uns auch seit etwa zehn Jahren verstärkt Gedanken über das Wohnen in der Zukunft: Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Entwicklungen zeichnen sich ab? Hier unterstützt die IKEA Stiftung studentische Projekte und Wohninitiativen, innovatives Produktdesign und wissenschaftliche Untersuchungen. Wichtig ist uns dabei, dass sich nicht nur Akademiker, sondern eigentlich jeder in den Konzepten
wiederfinden kann.

Link: Liegt es nicht nahe, auch IKEA Möbel zu spenden?

Peter Takacs: Das Gegenteil ist der Fall – mit Sachspenden wie Möbeln oder Einrichtungsgegenständen können wir nicht helfen. Die IKEA Stiftung ist ausschließlich gemeinnützig tätig.

Link: Neben der IKEA Stiftung gibt es die internationale IKEA Foundation – wo liegt ihr Fokus, im Gegensatz zu der deutschen Einrichtung?

Peter Takacs: Die 1982 als Wohltätigkeitsstiftung gegründete IKEA Foundation leistet weltweit großartige Arbeit für Millionen Kinder und ihre Familien. Sie ermöglicht ihnen ein sicheres Zuhause, Grundeinkommen, Bildung und Gesundheit. Die Programme und Kampagnen der IKEA Foundation, die sie mit Kooperationspartnern wie UNICEF, Warchild und Save the Children durchführt, sind auf längere Zeit angelegt, um nachhaltigen Wandel zu bewirken – und zwar immer da, wo es am dringlichsten ist. Die Ansätze der Arbeit von IKEA Foundation und IKEA Stiftung sind also ähnlich, nur der Wirkungsbereich ist verschieden: Die IKEA Foundation stellt internationale Projekte in den Fokus, die IKEA Stiftung konzentriert sich auf Projekte und Initiativen in Deutschland.

Link: Wie viele Anfragen erhält die IKEA Stiftung, und nach welchen Kriterien wählt ihr die Förderprojekte aus?

Peter Takacs: Wir erhalten an die 600 Anfragen und Anträge im Jahr. Die Auswahl der Projekte für unsere Förderungen erfolgt gemeinsam mit dem Stiftungsbeirat. Die Spenden kommen Initiativen zugute, die zu unseren Grundsätzen passen. Im letzten Jahr haben wir zum Beispiel 138 Projekte unterstützt – so viele wie noch nie in einem Jahr! Alle drei Jahre veröffentlichen wir unsere Förderprojekte im Tätigkeitsbericht.

Link: Kannst du Beispiele für Projekte der letzten Zeit geben, die dir besonders am Herzen lagen?

Peter Takacs: Es liegt uns sehr viel daran, neben den großen Projekten auch die kleineren Initiativen zu fördern, die es sonst schwer haben, Fördermittel zu erhalten. Der handgeschriebene Brief einer Kindergärtnerin oder das sympathische Projekt einer Elterninitiativeinrichtung freut uns und hat auch eine Chance verdient.
Ein Beispiel für ein schönes Förderprojekt im letzten Jahr ist der Bewegungs- und Naturkindergarten der Kita „Anne Frank“ in Mühlhausen bei Erfurt. Alle packten mit an – die Eltern, die Mitglieder des Fördervereins, das Erzieherteam und der Hausmeister – und setzten in Eigenregie eine Spiellandschaft mit Sonnendach und Holzspielhaus für die Kleinen um. Oder das Evangelische Familienzentrum Abenteuerland in Essen, wo es bisher praktisch keine Grünflächen gab und nun 60 sozial benachteiligte Mädchen und Jungen ein bewegungsanregendes und naturnahes Außengelände zum Spielen haben. Solche Initiativen begeistern mich und zeigen mir, wie wichtig unsere Arbeit ist.